Sind wir zu pessimistisch?

Johannes
Aus dem capetown-online Newletter und mit Dank an Klaus für die Genehmigung zur Veröffentlichung hier:

Nachdenkliches aus der Redaktion

Artikel: Klaus D. Doll
13. Dezember 2007


Wie geht das zusammen? Auf der einen Seite bieten wir auf CAPETOWN-ONLINE hochwertige Immobilien in Kapstadt an, auf der anderen Seite berichten wir über die zunehmende Gewalt im Land und die eindeutigen Fehlleistungen in der südafrikanischen Politik. Zugegeben, das ist ein manchmal schmerzhafter Spagat, doch dieser Spagat verdeutlicht auch das südafrikanische Dilemma.

Sicherlich, das Land am Kap bietet viel: kulturelle Vielfalt, ein perfektes Klima, einmalige Natur, malerische Strände und endlose Weinberge. Doch für all diese Vorzüge ist ein Preis zu zahlen. Kaum ein anderes Land, das ich kenne, zwingt einen so regelmäßig und grundsätzlich über diesen imaginären Preis nachzudenken, und hier liegt eben das südafrikanische Dilemma. Wann ist die Schmerzgrenze erreicht? Diese Fragen stellen wir uns doch auch beim Kurs des US-Dollar, oder beim Benzinpreis. Ist es da nicht sinnvoll, auch über den südafrikanischen Preis nachzudenken, oder sollen wir so vehement die Augen vor der Realität verschließen, wie jüngst der FIFA-Mogul Joseph Blatter, als er die Ermordung eines Österreichers zeitgleich zur Auslosung der Fußball-WM in Durban wie lästige Brotkrumen vom reich gedeckten FIFA-Tisch wischte, indem er Zürich mit Durban verglich und lapidar bemerkte: „Kriminalität existiert überall“?

Nein, so einfach ist das nicht und mich beunruhigen ganz konkret die zunehmende Gewalt und die politische Dummheit in Südafrika. Davor kann man nicht die Augen verschließen. Hat die Politik doch eine Richtung eingeschlagen, mit der sie sich klammheimlich aus der Demokratie verabschiedet und die Gewalt im Land auf unverantwortliche Weise verharmlost. Das Land am Kap verlangt und verdient deshalb eine offene und lebendige Auseinandersetzung mit den wichtigen sozialen und politischen Themen. Fraglos ist Südafrika noch immer eine touristische Top-Destination. Doch wer sich mit dem Gedanken trägt, seine bescheidene Altersvorsorge nebst Riesterrente unter der Sonne Südafrikas bei günstigem Wechselkurs zu verleben, der sollte sich diesen Schritt noch einmal genau überlegen. Wer sich am Kap engagiert, der sollte schon über substantielle Mittel verfügen. Soweit mein Rat an meine Immobilienkunden.

Für mich stellt sich die Frage, ob und wie weit die scheinbar boomende Wirtschaft die Situation in Südafrika positiv beeinflussen kann. Denn traditionell springen Unternehmen mit sozialem Engagement da ein, wo der Staat jämmerlich versagt. Um nun eine lebendige Auseinandersetzung zu forcieren und auch meine eigene Einstellung zu überprüfen, habe ich bei vier Personen, die in Südafrika leben, mal nachgefragt:


Politik und Gewalt, ein südafrikanischer Schriftwechsel


Dr. Günter Pabst
Kapstadt – seit 17 Jahren in Südafrika
Rechtsanwalt (Wirtschaftsrecht, Internationales Steuerrecht, Internationales Erbrecht). Gründer und Direktor der South African School of Paralegal Studies.

Joko Sander
Somerset West – seit 11 Monaten in Südafrika
Eigentümer und Manager des charmanten Gästehauses La Bonne Auberge.

Barbara Bormann
Kapstdt – seit Juli 2007 in Südafrika
Studiert Politikwissenschaft, Jura und VWL für ein Semester an der UCT.

Mechtild Braxmeier
Kapstadt – seit 8 Jahren in Südafrika
Eigentümerin und Leiterin der Sprachschule Language Teaching Centre.




Dr. Günter Pabst:

Hallo Klaus,
was Südafrika auf Wachstumskurs hält ist natürlich die Wirtschaft - trotz des lächerlichen Bildes, das die Politik abgibt. Das ist nichts speziell Südafrikanisches. Man findet das auch in China, Russland, um nur zwei bekannte Beispiele zu nennen. Die Wirtschaft verhält sich wie eine Hure - solange Geld verdient werden kann, gibt man sich gefügig. Und auch die Zivilgesellschaft hält das Land aufrecht - trotz der schweren Bürde, die eine falsche Politik für die Leute bedeutet.

Aber, lieber Klaus, eine Reihe von weltweiten Vergleichtests, die von verschiedenen Thinktanks in den letzten Monaten angestellt wurden, zeigen überall ein Abgleiten der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nach unten. Und das ist ja auch kein Wunder; es dauert eben seine Zeit, bis Fehlentwicklungen sich manifestieren: Keine gesicherte Stromversorgung, hohe Kosten für Sicherheit und Bürokratie, Braindrain, Affirmative Action, BEE, militante Gewerkschaften etc.

Es tut mir leid, aber ich kann den Silberstreifen am Horizont nicht aufzeigen. Es wird aber immer wieder auch in Zukunft Menschen geben, für die Südafrika bei Abwägung aller Pros und Cons ein interessanter Standort sein kann. Man muss nur wissen, auf was man sich einlässt. Und dazu trage ich bei.

Herzliche Grüße
Günter



Joko Sander:

Lieber Herr Doll,
ja, die Wirtschaft verändert die Situation in Südafrika positiv, und, sie wird es auch weiterhin tun. Es gibt ja sehr unterschiedliche Wirtschaftszweige und wie Sie wissen arbeiten meine Frau und ich seit einiger Zeit in einem der Wichtigsten für dieses Land, dem Tourismus. Immer mehr Besucher kommen nach Südafrika und lassen sich nicht durch Horrornachrichten abschrecken.

SA ist auf einem guten Weg, doch das scheint vielen nicht zu passen. Sehen sie sich doch einmal um, wenn Sie wieder mal hier sind. Da stehen verständnislos dreinblickende (weiße) Menschen, deren Weltbild seit einiger Zeit zerstört ist, verängstigt an der Kasse eines Supermarktes. Sie müssen anstehen, wie alle anderen auch und es reicht auf einmal nicht mehr aus, weiß zu sein. Ein simples Beispiel, ist mir schon klar, die Zeiten der Apartheid sind vorbei, doch SA hat mit den Folgen, dieser "unglaublichen" Umstellung noch immer zu kämpfen. Und wenn ich da an die "Wiedervereinigung", ein schönes Wort übrigens, denke... 18 Jahre ist das her, und, wie lange geben wir uns noch, wie lange braucht denn ein
Land, eine Nation, um eine so gravierende Veränderung zu "erleben", zu verstehen und zu akzeptieren?
Schöne Grüsse nach Hoyerswerda, und..., Sie wissen schon!

SA geht's da nicht besser, doch der größte Teil der Menschen hier strahlt eine positive Stimmung aus. Deutlich gespürt hat man das, als SA die Rugby-Weltmeisterschaft in Frankreich gewonnen hat. Rugby, eher der Sport der weißen Südafrikaner, wurde plötzlich auch von allen anderen gefeiert. Siege, Erfolge, verbinden die Menschen. Ich denke, dass die FIFA WM 2010 die größte Chance für SA ist, sich einem weltweiten Publikum zu öffnen und
positiv zu präsentieren. Alles wird ganz anders ablaufen als in Deutschland, soll auch so sein!, doch ich bin mir absolut sicher, dass SA diese Chance nutzen wird und dieses Großereignis die beste Werbung sein wird, die SA je bekommen kann - und gute Werbung ist gut für die Wirtschaft.

Korrupte Politiker, bestechliche Polizisten und Wirtschaftsbosse (was war da noch mal bei uns in Deutschland, z.B. bei Siemens, VW, 1860 München/Stadionbau... los?) werden das alles nicht verhindern können und die ewig gestellte Frage nach der Sicherheit, Kriminalität wird auch nach 2010 nicht vom Tisch sein. Übrigens fühle ich mich hier sicher, sehr viel sicherer, als z.B. in mancher Hauptstadt Europas - London, Madrid, Paris...

Die Menschen hier arbeiten an "Ihrer" Chance, glauben an sich und lassen sich nicht aufhalten, sind beteiligt am wirtschaftlichen Wachstum, wenn auch manchmal aus unserer Sicht in bescheidenem Rahmen. Doch das Beispiel der immer größer werdenden "Schwarze Mittelschicht" zeigt, wohin die Entwicklung geht.

Lieber Herr Doll, es ist menschlich und immer leichter und viel angenehmer von eigenen Problemen abzulenken und auf die großen Probleme der "Freunde" und Nachbarn hinzuweisen.

Ich bin mir nicht sicher, ob meine Zeilen Ihnen irgendwie "weiterhelfen". Ich verschließe sicher nicht meine Augen vor den Problemen, mit denen sich SA auseinanderzusetzen hat. Die Probleme sind da, doch sie werden gelöst - früher oder später. Binsenwahrheit... ich weiß und es ist Schade, dass wir beide nicht in 100 Jahren zusammen Rückschau halten können. Na, vielleicht...

Ihnen herzliche Grüsse aus dem Som(m)erset West (auch von meiner Frau)

Ihr Joko Sander


Barbara Bormann:

Hallo Klaus,
mit solchen Fragen bist du bei mir natürlich an der richtigen Adresse, das Beantworten hat richtig Spaß gemacht.

1. Meines Erachtens nach ist Südafrika politisch betrachtet zurzeit an einem sehr wichtigen Punkt, es steht an einem Scheideweg. Die anstehende Entscheidung des ANC ist von immenser Bedeutung für die weitere Entwicklung der Demokratie und damit auch der Wirtschaft. Und dabei geht es nicht unbedingt um Personen, denn weder Zuma noch Mbeki sind Idealkandidaten, sondern um die politische Kultur in der Partei und im gesamten Land.
Die Tendenz, dass sich alles der zentralen, kollektiven Meinung der Partei unterzuordnen hat, ist gefährlich, denn sie widerspricht dem demokratischen Grundgedanken. Verstärkt wird das noch durch den Versuch, die Medien ruhig zu stellen, und das Ausnutzen von ethnischen Zugehörigkeiten für politische Ziele. Slogans wie "100% Zulu Boy" sind nicht hilfreich, um ein noch immer tief gespaltenes Land zu vereinen.
Unabhängig davon, wer am 20. Dezember als Sieger im Rennen um die Parteipräsidentschaft hervorgeht - der ANC muss sich wieder darauf besinnen, dass er eine demokratische Partei ist. Südafrika kann es sich angesichts von Kriminalität, HIV/Aids, Armut, Korruption und Fachkräftemangel nicht leisten, seinen demokratischen Halt zu verlieren.
Sonst genügt ein Blick nach Zimbabwe, um zu sehen, wie schnell ein Land herunter gewirtschaftet werden kann.

2. Ich denke, die Wirtschaft ist eher darauf angewiesen, dass die Politik stabilisierend wirkt - nicht andersrum. Die Wirtschaftsbosse werden sehr genau beobachten, wie es politisch weitergeht, und ihre Entscheidungen davon abhängig machen. In der zur Zeit recht schwierigen globalen Wirtschaftssituation ist ein Land wie Südafrika ohnehin schon leicht angeschlagen (v.a. steigende Nahrungsmittel- und Ölpreise), und ein Signal aus Polokwane, das es möglicherweise einen Richtungswechsel in der Wirtschaftspolitik geben könnte, würde eine unsichere Situation schaffen. Die Wirtschaft muss mit dem arbeiten, was aus der Politik kommt - und wenn qualifizierte Arbeitskräfte weiter ins Ausland getrieben werden, wenn Inflation und Zinsen weiter steigen, und wenn ausländische Investoren angesichts von Kriminalität und instabiler Politiklage abgeschreckt werden, hat die lokale Wirtschaft wenig Spielraum.
Zumal selbst stabiles, dauerhaftes Wirtschaftswachstum bisher kaum bei den verarmten Massen angekommen ist. Die so genannte "schwarze Mittelklasse", die seit 1994 entstanden ist, macht immer noch nur einen kleinen Teil der Bevölkerung aus. Sollte es allerdings gelingen, mehr Jobs auch für die Unterschicht zu schaffen, dann kann das auch ein positives Signal senden, die bisherige Wirtschaftspolitik beizubehalten.
Da solche Entwicklungen aber nicht von heute auf morgen möglich sind, die politischen Entscheidungen aber schon bald anstehen, sehe ich eher die Gefahr, dass die Politik die Wirtschaft negativ beeinflusst, als andersherum.
Nationale und internationale Unternehmer und Investoren werden jedenfalls sehr genau beobachten, welche Signale aus Polokwane gesendet werden...

Grüße,
Barbara


Mechtild Braxmaier:

Guten Tag Herr Doll,
vielen Dank für Ihr Interesse an meinem Input.
Warum immer den Teufel an die Wand malen!

Ich bin seit 8 Jahren hier im Land, führe seit zirka 7 Jahren meine eigene Firma im Tourismus und Bildungsbereich. Ich kann für mich selbst sagen, dass ich gerade in den letzten zwei bis drei Jahren einen kontinuierlichen Aufschwung verzeichnen kann. Dies gilt auch für die Unternehmen mit denen ich hier in Südafrika zusammenarbeite, oder beruflich in Kontakt stehe.

Global ist es leichter geworden Geschäftkontakte zu knüpfen und zu pflegen. Meine Geschäftbeziehungen hier im Lande haben sich sehr vereinfacht, man ist kommunikativer und transparenter geworden. Viele Südafrikaner sehen eine große Chance für das Land im Anstieg des Wirtschaftswachstums und nehmen aktiv daran Teil. Eine Chance, die sie nie zuvor hatten. Gerade am Kap, wo die farbige Bevölkerung durch ihre Manpower einen großen Betrag zum wirtschaftlichen Aufschwung beiträgt ist sehr viel positive Energie zu verzeichnen. Südafrika hat schon schwierigere Zeiten gemeistert.
Ich bin zuversichtlich.

Regards,
Mechtild Braxmaier


Grüsse: Johannes